9: Mut ist, wenn du´s trotzdem machst!
Vom Funktionieren zum eigenen Weg: Katharina über Mut, Selbstfürsorge und innere Veränderung
Was passiert, wenn wir jahrelang funktionieren, Verantwortung übernehmen und dabei unsere eigenen Bedürfnisse immer weiter nach hinten stellen? Und was braucht es, um irgendwann den Mut zu finden, innezuhalten und einen neuen Weg einzuschlagen?
Darüber habe ich, Sandra, mit Katharina gesprochen – einer Frau, die ihren eigenen Weg selbst durch tiefe Veränderung gegangen ist und heute andere Frauen und Mütter auf diesem Weg begleitet.
Katharina kommt aus der Steiermark in Österreich und arbeitet heute als psychosoziale Beraterin. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Frauen und Müttern, unter anderem mit Familienaufstellungen, körper- und nervensystemorientierter Arbeit, Hypnose und der Arbeit mit dem inneren Kind. Dabei geht es immer wieder um die Frage: Welche alten Muster bestimmen unser Leben – und wie können wir lernen, wieder mehr bei uns selbst anzukommen?
Der Wendepunkt: Als plötzlich nichts mehr ging
Katharinas eigene Reise begann nicht erst mit ihrer Selbstständigkeit. Schon seit über 20 Jahren beschäftigte sie sich mit Persönlichkeitsentwicklung, Aufstellungsarbeit und innerer Kinderarbeit. Gleichzeitig arbeitete sie viele Jahre in einem sicheren Angestelltenverhältnis, unter anderem im Projekt- und Prozessmanagement und als Führungskraft.
Sie spürte schon lange, dass ihr die Arbeit mit Menschen im Unternehmenskontext nicht mehr ausreichte. Doch der Gedanke, den sicheren Job aufzugeben, fühlte sich unmöglich an.
Bis ihr Körper die Entscheidung für sie traf.
Nach 17 Jahren im Unternehmen erlitt Katharina ein Burnout. Von einem Tag auf den anderen konnte sie nicht mehr aufstehen. Was sich rückblickend über Jahre angekündigt hatte, war plötzlich nicht mehr zu ignorieren.
Monatelang war sie körperlich und geistig kaum belastbar. Selbst kurze WhatsApp-Nachrichten zu lesen, war zeitweise zu viel. Ihre größte Angst war, nie wieder leistungsfähig zu werden.
Gleichzeitig wurde diese schwierige Zeit zu einem Wendepunkt. Katharina begann loszulassen und erkannte: Wenn sie ohnehin noch einmal ganz neu anfangen musste, konnte sie auch den Weg einschlagen, den sie schon lange in sich gespürt hatte.
Der Schritt in die Selbstständigkeit fühlte sich für sie zunächst an wie „ein Sprung von einer Klippe ohne Fallschirm“. Doch genau dieser Sprung führte sie zu ihrer heutigen Arbeit.

Warum so viele Frauen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr spüren
Ein zentrales Thema in Katharinas Arbeit ist das Funktionieren.
Viele Frauen – insbesondere Mütter – haben gelernt, zuerst auf alle anderen zu achten: auf die Kinder, den Partner, die Familie, die Kollegen. Sie scannen ständig ihre Umgebung und spüren, wie es anderen geht. Erst wenn alle versorgt sind, dürfen sie selbst an die Reihe kommen.
Nur: Wann ist das?
Katharina erlebt in ihrer Arbeit immer wieder Frauen, die auf die Frage „Was brauchst du?“ oder „Was möchtest du?“ zunächst keine Antwort haben.
Das ist für sie kein Zufall. Bereits in der Kindheit können wir lernen, unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und stattdessen für die emotionale Sicherheit anderer zu sorgen. Wer früh Verantwortung übernehmen musste, entwickelt häufig ein starkes Muster des Funktionierens und Anpassens.
Katharina kennt dieses Muster aus ihrer eigenen Geschichte.
Schon als Kind übernahm sie Verantwortung, die eigentlich nicht bei einem Kind liegen sollte. Sie versuchte, Stabilität und Harmonie in der Familie herzustellen, übernahm Aufgaben im Haushalt und lernte früh, auf die Bedürfnisse anderer zu achten.
Heute betrachtet sie diese Geschichte mit einem anderen Blick. Nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit Verständnis dafür, dass auch Eltern ihre eigenen Geschichten und Prägungen mitbringen.
Veränderung beginnt mit Bewusstwerdung
Wie können Frauen aus solchen Mustern aussteigen?
Für Katharina beginnt der Weg mit Bewusstwerdung. Erst wenn wir erkennen, welche Muster in uns wirken, können wir beginnen, etwas zu verändern.
Dabei geht es nicht darum, sich von heute auf morgen komplett neu zu erfinden. Gerade bei tief verankerten Mustern funktioniert Veränderung nicht über Druck oder Selbstoptimierung.
Katharina arbeitet deshalb traumasensibel und begleitet Frauen Schritt für Schritt. Mit Fragen, körperorientierter Arbeit, Aufstellungen, Hypnose und verschiedenen Übungen hilft sie ihren Klientinnen dabei, wieder Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen zu bekommen.
Besonders wichtig ist ihr dabei, dass Frauen nicht von ihr abhängig werden. Sie möchte ihnen Werkzeuge mitgeben, mit denen sie sich irgendwann selbst regulieren und selbst führen können.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben
Im Gespräch kommen wir auch auf eine Frage, die viele Frauen beschäftigt: Wie finde ich den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen?
Katharina hat darauf eine klare Antwort: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst loszugehen.
Auch sie kennt heute noch Situationen, in denen ihr Nervensystem auf neue Herausforderungen mit Angst und Aufregung reagiert. Trotzdem geht sie weiter. Sie stellt sich vor Menschen, spricht auf Bühnen und probiert Dinge aus, die außerhalb ihrer Komfortzone liegen.
Es sind die vielen kleinen Schritte, die Veränderung möglich machen.
Auch ich, Sandra, teile im Gespräch meine Sicht darauf: Wir sollten nicht darauf warten, dass irgendwann der perfekte Moment kommt. Wenn die Kinder größer sind. Wenn mehr Geld da ist. Wenn der Urlaub vorbei ist. Wenn endlich alles organisiert ist.
Der perfekte Moment kommt selten.
Manchmal reicht ein erster kleiner Schritt.
Wir müssen uns nicht „verlieren“ – wir dürfen uns erinnern
Besonders schön ist für mich ein Gedanke, der sich gegen Ende unseres Gesprächs entwickelt: Vielleicht haben wir uns selbst gar nicht wirklich verloren.
Vielleicht haben wir uns angepasst.
An unsere Familie. An Erwartungen. An gesellschaftliche Vorstellungen. An das, was andere von uns brauchen. An das, was vermeintlich „normal“ ist.
Der Weg zurück zu uns selbst bedeutet dann nicht, jemand völlig Neues zu werden. Es bedeutet vielmehr, uns wieder daran zu erinnern, wer wir eigentlich schon immer waren.
Was hat uns als Kind Freude gemacht? Was hat uns zum Lachen gebracht? Was hat uns Energie gegeben? Was lässt uns heute wieder lebendig fühlen?
Und genau dort kann ein Teil unseres eigenen Weges beginnen.
Je entspannter du bist, desto entspannter wird dein Umfeld
Zum Abschluss schenkt Katharina uns einen Satz, der wunderbar zu unserem gesamten Gespräch passt:
Je entspannter ich selbst bin, desto entspannter ist meine komplette Umgebung.
Denn Veränderung wirkt nicht nur in uns. Wenn wir beginnen, anders mit uns selbst umzugehen, verändert sich häufig auch unser Umfeld.
Das gilt besonders für Mütter. Sie sind Vorbilder für ihre Kinder – nicht weil sie perfekt sein müssen, sondern weil ihre Kinder beobachten, wie sie mit sich selbst, mit ihren Grenzen, ihren Emotionen und ihrem Leben umgehen.
Wenn eine Mutter sich Unterstützung holt, ihre Bedürfnisse ernst nimmt und ihren eigenen Weg geht, kann genau das auch ihren Kindern zeigen: Du darfst dich selbst wichtig nehmen. Du darfst deinen Weg gehen. Du darfst etwas verändern.
Hör auf zu warten. Fang an.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft aus unserem Gespräch:
Wir müssen nicht erst am Tiefpunkt ankommen, um etwas zu verändern.
Wir müssen nicht warten, bis der Rücken an der Wand steht.
Wir dürfen losgehen, weil da ein Wunsch ist. Eine Vision. Ein innerer Ruf. Das Gefühl, dass da noch mehr möglich ist.
Und wir dürfen Angst haben.
Wir können die Angst sogar an die Hand nehmen und gemeinsam mit ihr losgehen.
Denn manchmal braucht es keinen großen Sprung. Manchmal braucht es nur den nächsten kleinen Schritt.
Für uns. Für unser Leben. Und vielleicht auch für die Menschen, die nach uns kommen.
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